Informationen der FdS zu Vortrag von Prof. E.D. Schulze am 23.11. in Rothenbuch “Forstwirtschaft und Naturschutz”

Prof. Schulze vertritt seit etlichen Jahren in Vorträgen und Zeitschriften Thesen zu Forstwirtschaft und Naturschutz, die von vielen seiner Fachkollegen so nicht geteilt werden. Erfahrungsgemäß ist es im Nachgang zu einem Vortrag nicht möglich, komplexe Zusammenhänge in kurzen Wortmeldungen so darzustellen, dass es ausreicht, solche Thesen damit zu widerlegen. Wir haben daher hier einige Fakten und Meinungen über die Thesen von Prof. Schulz zusammengestellt.

Zunächst die bewusst kurze und holzschnittartige Zusammenfassung von Dr. Bernd Kempf, Vorsitzender der FdS. Aufgrund der nicht gegebenen spezifischen fachlichen Ausbildung, nutzt sie „nur Argumente des gesunden Menschenverstandes“. Danach die intensivere, wissenschaftliche Analyse von unserem Vorstandsmitglied Prof. B. Büdel:

Dr. Bernd Kempf:

1. 1. Hr. Schulze vertritt die These, dass Wirtschaftswald auch naturschutzfachlich wertvoller sein kann als naturbelassener Wald. Ich empfehle jedem Naturliebhaber einfach einmal zum NSG Metzger/Krone im Spessart zu fahren. Dort stelle er sich genau auf die Grenzlinie zwischen NSG und Wirtschaftswald und schaue bergauf. Links liegt der Wirtschaftswald, rechts der Naturwald, der nun seit 1928 (90 Jahre sind eigentlich immer noch kurz für einen Wald) nicht mehr bewirtschaftet wird. Jeder, der ein Herz in der Brust hat, wird den Unterschied sehen und noch mehr erspüren.

2.

3. 2. Man stelle sich einen unberührten Urwald vor, mit allen Arten, die darin natürlicherweise vorkommen. Nun wird im Zuge der forstwirtschaftlichen Nutzung zunächst eine Trasse quer durch diesen Urwald geschlagen. Glücklicherweise wird noch keine seltene Art ausgelöscht. Es kommt aber nun mehr Licht bis in die bodennahen Strukturen und es siedeln sich als zusätzliche Pflanzenarten Gänseblümchen und Löwenzahn an. Ist der (nun zweigeteilte) Urwald damit wirklich naturschutzfachlich wertvoller geworden?

3. Die Methode wie Prof. Schulze das schiere Erfassen und Zählen von Arten als Maßstab für Biodiversität und damit „wertvolle Natur“ wertet, erinnert mich an „Erbsenzählerei“. Nach dieser Methodik müßte der Palmengarten in Frankfurt als „der biologische Hotspot“ in Deutschland angesehen werden. Sicher stellt der Palmengarten eine sehr wertvolle botanische Sammlung dar, aber er kann doch nicht als wertvollstes Naturerbe für Deutschland angesehen werden

Prof. Dr. Burkhard Büdel, Pflanzenökologe an der Universität Kaiserslautern und Mitglied im Vorstand der „Freunde des Spessarts“ hat dazu folgende Bemerkungen zusammen mit verschiedenen Kollegen zusammengefasst:

1. 1. Dass Waldbewirtschaftung die Artenzahlen pauschal erhöhen kann, ist lange bekannt, wenn nämlich Störungszeiger zu den charakteristischen Waldarten hinzutreten (etwa in Rückegassen, an Waldwegen, Lichtungen etc.). Das ist oft bei den Gefäßpflanzen des Waldbodens der Fall. Entscheidend für den Naturschutz im Wald ist, welche Arten dort erhalten, geschützt werden sollen. Und das bemisst sich danach, für welche Arten/Artengruppen Deutschland und Bayern eine besondere Verantwortung haben sie in den Wäldern zu schützen. Das zielt jedoch nicht primär auf die Erhöhung der Diversität insgesamt, sondern vor allem auf den Erhalt von Lebensräumen für Habitatspezialisten (und das Ermöglichen von natürlichen Dynamikprozessen). Diese spezifischen Waldarten sind aber (auch bei den Pflanzen) vielerorts in den mitteleuropäischen Wäldern zurückgegangen (s. z.B. Arbeiten von W. Härdtle in Schleswig-Holstein). Das gilt auch – entgegen der Behauptung von Schulze – für einige charakteristische Stand-Vogelarten des Waldes (Weißrücken- und Dreizehenspecht, Grauspecht, Auerhuhn…); hierfür ist zweifellos die Waldbewirtschaftung einer der entscheidenden Faktoren. Es kann nicht die Aufgabe des nachhaltigen, modernen Waldmanagements sein, in Laubwaldgebieten Arten der Nadelwälder oder des Offenlandes zu schützen oder gar Störungszeiger, die auf den gestörten Waldböden der Rückegassen wachsen, nachdem sie tonnenschwere Forstmaschinen befahren haben.

2. 2. Die zitierten Untersuchungen in Thüringen und aus den Exploratorien sind unseres Erachtens für die Klärung der Frage, ob Waldbewirtschaftung die Artenvielfalt reduziert oder erhöht, überhaupt nicht geeignet, weil als Referenz einige Jahre bis Jahrzehnte unbewirtschaftete Wälder herangezogen werden. Waldnaturschutz hat aber die (Jahrhunderte dauernde) Entwicklung hin zum Ur-/Naturwald zum Ziel. Es müssten also systematische Vergleiche zwischen Wirtschafts- und echten Urwäldern unter gleichen Standortsbedingungen herangezogen werden, die es nur selten gibt. Eine Studie aus einer unserer Gruppen, für Urwälder zeigt deutlich, wieviel größer die Epiphytendiversität im Urwald im Vergleich zum Wirtschaftswald ist. Entscheidend ist hier die beta-Diversität und weniger die alpha-Diversität. Interessant ist in dieser Studie weiterhin, dass selbst die Gefäßpflanzen-Vielfalt in Urwäldern gleich hoch ist, oder gar höher sein kann, wenn man nur genügend große Flächen untersucht. Also keine Belege für eine Erhöhung der Artenvielfalt durch Waldwirtschaft, sondern vor allem für Verluste von Habitatspezialisten.

3. 3. Dass die dicksten Bäume im Wirtschaftswald stehen sollen, überrascht total, wo doch die größte bekannte Buche Europas (56 m hoch) im slowakischen Urwald Havesova steht!

Außerdem:

Laut FAZ-Artikel „Unser Wald braucht kein Ruhekissen“ vom 24.8.2018 ist Prof. Schulze Waldbesitzer und -bewirtschafter. Insofern muss die Objektivität von Prof. Schulze zumindest in Frage gestellt werden.

 

Weitere Informationen zu diesem komplexen Thema finden Sie unter folgenden links:

http://waldproblematik.de/diskussion-prof-schulze-manfred-grossmann/

http://waldproblematik.de/schulzeammer-contra-muellerweisser-wilhelm/

http://franzjosefadrian.com/ernst-detlef-schulze-ebracher-wald-ist-wie-ein-weizen-oder-ma